10. März 2026

Aus Tempo 120 trennt 1,6 mm Restprofil und ein nagelneuer Reifen fast 100 Meter Bremsweg auf nasser Fahrbahn. Wir zeigen dir, was das Gesetz fordert, was Profis empfehlen. Und wo deine Reifen wirklich stehen sollten.
Die Profiltiefe deiner Reifen entscheidet, ob du bei nasser Fahrbahn aus Tempo 120 nach 59 Metern stehst. Oder erst nach 155 Metern. Das ist der Befund eines Continental-Bremstests aus dem Jahr 2019, und er macht eines klar: Die gesetzlich erlaubte Mindestprofiltiefe von 1,6 mm ist keine Sicherheits-, sondern eine reine Schmerzgrenze.
In diesem Artikel klären wir, was das Gesetz tatsächlich fordert, was Prüforganisationen empfehlen und ab welchem Restprofil es im Alltag gefährlich wird. Grundlage sind § 36 StVZO, Tests von Continental, ADAC, DEKRA und TÜV sowie eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt).

Die gesetzliche Mindestprofiltiefe in Deutschland liegt bei 1,6 Millimetern. Das regelt § 36 Absatz 2 der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO): Das Hauptprofil. Also die breiten Längsrillen im mittleren Bereich der Lauffläche, die rund drei Viertel der Reifenbreite einnehmen. Muss am ganzen Umfang mindestens 1,6 mm tief sein. Wer mit weniger fährt, riskiert laut Bußgeldkatalog 2025/2026 mindestens 60 Euro Bußgeld und einen Punkt in Flensburg. Mit Gefährdung oder Sachschaden werden daraus 90 bis 120 Euro (Quelle: bussgeldkatalog.org).
So weit die juristische Mindestanforderung. In der Praxis empfehlen ADAC, DEKRA, TÜV-Verband, GTÜ und KÜS einheitlich, Sommerreifen bereits bei 3 mm Restprofil und Winter- sowie Ganzjahresreifen bei 4 mm zu wechseln. Der Grund ist messbar: Schon unter 3 mm sinkt die Wasserverdrängung deutlich, und der Bremsweg auf nasser Fahrbahn wächst spürbar.
Wichtig seit dem 1. Oktober 2024: Bei winterlichen Bedingungen sind nur noch Reifen mit Alpine-Symbol erlaubt, also dem Bergpiktogramm mit Schneeflocke (3PMSF, englisch „Three Peak Mountain Snowflake"). Die Übergangsregelung für reine M+S-Reifen nach § 36 Abs. 4a StVZO ist ausgelaufen. Wer trotzdem mit M+S ohne Alpine-Symbol bei Schnee oder Glätte fährt, zahlt 60 bis 120 Euro Bußgeld plus einen Punkt (Quelle: AUTO BILD, Oktober 2024).

Continental und AUTO BILD haben 2019 einen VW Golf mit Reifen der Größe 225/45 R17 auf nasser Strecke gebremst und nur die Profiltiefe variiert. Aus 120 km/h kam der Wagen mit Neureifen (rund 8 mm Profil) nach 59,1 Metern zum Stehen. Mit 3 mm Restprofil brauchte er 124 Meter. Bei 1,6 mm. Der gesetzlichen Untergrenze. Bremste der Golf erst nach 154,9 Metern aus. Continental fasst das anschaulich zusammen: Wo das Auto mit neuen Reifen sicher steht, fährt der gleiche Wagen mit 1,6 mm-Reifen noch nahezu unverbremst mit 106 km/h weiter (Quelle: Continental Pressemitteilung, 30.09.2019).
Auch bei moderaten Tempi ist der Effekt klar messbar. Aus 80 km/h verlängerte sich der Bremsweg im selben Test von 25,8 Metern (neu) auf 36,2 Meter (1,6 mm). Rund 10 Meter mehr, fast 40 Prozent. Der ADAC bestätigt in seinem Sommerreifen-Jubiläumstest 2023 die große Spreizung am Markt: Bremswege auf Nässe aus 80 km/h lagen zwischen 34,4 und 59,3 Metern, je nach Modell (Quelle: adac.de).
Eines solltest du dabei wissen: Der Effekt wächst nicht linear mit der Geschwindigkeit, sondern überproportional. Bei 50 km/h merkst du wenig, bei 80 km/h spürst du es, und ab 100 km/h wird der Unterschied dramatisch.
Aquaplaning beginnt früher als viele denken. Der ADAC testet Reifen bei 7 mm Wassertiefe. Neureifen mit rund 8 mm Profil schwimmen demnach erst zwischen 75 und 85 km/h auf. Auf nur 4 mm abgefahrene Winterreifen verloren ihren Grip dagegen bereits bei 63 km/h (Quelle: adac.de, Aquaplaning-Test). DEKRA-Reifenexperte Christian Koch formuliert eine harte Faustregel: Bei 1,6 mm Restprofil fängt Aquaplaning bereits zwischen 65 und 70 km/h an. Also bei der typischen Geschwindigkeit auf einer Landstraße (Quelle: lokalmatador.de). Die BASt belegt in ihrem Bericht F21 von 1996, dass geringere Profiltiefe und höherer Wasserfilm gemeinsam die übertragbaren Bremskräfte stark reduzieren.
Versicherungstechnisch wird es ebenfalls teuer. Die Kfz-Haftpflicht zahlt zwar dem Unfallgegner, kann dich aber bei grob fahrlässigem Handeln in Regress nehmen. Bis zu 5.000 Euro nach § 5 KfzPflVV in Verbindung mit § 28 VVG. Die Vollkasko darf ihre Leistung nach § 81 Abs. 2 VVG quotenmäßig kürzen. Als Anhaltspunkt dienen die Empfehlungen des 47. Deutschen Verkehrsgerichtstags 2009 in Goslar: Kürzungen um 25, 50, 75 oder im Extremfall 100 Prozent. Je nach Schwere des Verschuldens. Voraussetzung ist allerdings, dass die geringe Profiltiefe für den Unfall ursächlich war, etwa durch verlängerten Bremsweg oder Aquaplaning. Diese Kausalität muss die Versicherung nachweisen.
Wie messe ich die Profiltiefe ohne Spezialwerkzeug? Stell eine 1-Euro-Münze in die Hauptrille. Verschwindet der goldene Rand vollständig, hast du noch mindestens 3 mm Restprofil. Das Sommerreifen-Wechselmaß. Bei der 2-Euro-Münze entspricht der silberne Rand 4 mm und damit der Winterreifen-Empfehlung. Ein digitaler Profiltiefenmesser aus dem Baumarkt kostet 4 bis 6 Euro und liefert exaktere Werte.
Was ist ein TWI? TWI steht für Tread Wear Indicator, also Verschleißanzeiger. Das sind kleine Querstege am Grund der Hauptrillen. Sind sie bündig mit dem umliegenden Profil, hat der Reifen die gesetzliche Mindestprofiltiefe von 1,6 mm erreicht. Nach ECE-Regelung Nr. 30 sind mindestens sechs TWI über den Umfang verpflichtend. An der Reifenflanke sind sie meist durch „TWI", ein kleines Dreieck oder ein Herstellerlogo markiert.
Wie viele Kilometer hält ein Reifen? TÜV Rheinland nennt als Faustregel rund 1 mm Profilverlust pro 10.000 km (zitiert in Reifenpresse.de, 30.09.2019). In ADAC-Reifentests 2023 erreichten gute Sommerreifen Laufleistungen zwischen 35.000 und 65.000 km, Winterreifen zwischen 37.000 und 72.000 km. Antriebsreifen verschleißen bei Frontantrieb 1,5- bis 2-mal schneller als die Reifen an der Hinterachse.
Was ist der Unterschied zwischen M+S und 3PMSF? „M+S" (Matsch und Schnee) ist eine alte, unregulierte Selbstdeklaration der Hersteller. „3PMSF" (Three Peak Mountain Snowflake) ist das Alpine-Symbol. Ein Bergpiktogramm mit Schneeflocke, das nur Reifen tragen dürfen, die einen genormten Schneegriff-Test bestanden haben. Seit dem 1. Oktober 2024 gelten in Deutschland nur noch 3PMSF-Reifen als wintertauglich.
Sollten neue Reifen vorne oder hinten montiert werden? Hinten. Reifenhersteller, ADAC und DEKRA empfehlen einheitlich, die Reifen mit dem besseren Profil auf die Hinterachse zu montieren. Auch bei Frontantrieb. Hintergrund: Bricht die Hinterachse bei Nässe zuerst aus, ist das Fahrzeug deutlich schwerer zu kontrollieren als bei untersteuernder Vorderachse (Quelle: auto-motor-und-sport.de).
Wann ist ein Reifen zu alt? Das DOT-Datum auf der Flanke (vierstellige Zahl, Woche/Jahr) zeigt das Produktionsdatum. Continental empfiehlt, Reifen die älter als 10 Jahre sind grundsätzlich auszutauschen. Der ADAC nennt für Winterreifen 8 Jahre als sinnvolles Maximum. Ab 6 Jahren rät der TÜV zur Sichtprüfung auf Risse und Verhärtung.
Bringt ein achsweiser Tausch alle 10.000 km etwas? Ja. ADAC und Reifenhersteller empfehlen, die Reifen spätestens alle 10.000 km achsweise zu tauschen, damit Vorder- und Hinterachse gleichmäßig verschleißen. Du brauchst dann seltener nur ein Reifenpaar zu ersetzen und vermeidest unterschiedliches Restprofil zwischen den Achsen.
Was passiert bei einem Unfall mit zu wenig Profil? Die Kfz-Haftpflicht zahlt dem Unfallgegner, kann dich aber bis zu 5.000 Euro in Regress nehmen (§ 5 KfzPflVV). Die Vollkasko darf nach § 81 Abs. 2 VVG ihre Leistung kürzen. Gängige Quoten sind 25, 50, 75 oder 100 Prozent, abhängig vom Verschuldensgrad und der Frage, ob die Profiltiefe für den Unfall ursächlich war.
Bußgeldtabelle Profiltiefe (Bußgeldkatalog 2025/2026):
Bremsweg-Tabelle nasse Fahrbahn (Continental-/AUTO-BILD-Test 2019, VW Golf, 225/45 R17):
Erweiterte Verschleißanzeiger einzelner Hersteller: Nokian markiert Sommerreifen mit einem Wassertropfen-Symbol für die Aquaplaning-Reserve und Winterreifen mit Schneeflocken-Anzeige für die Wintertauglichkeit (Verschwinden der „4" signalisiert Wechselzeitpunkt). Continental nutzt ähnliche Symbole für seine Premium-Sommer- und Winterreifen. Diese Indikatoren signalisieren in der Regel früher als der gesetzliche TWI bei 1,6 mm einen sicherheitsrelevanten Wechselzeitpunkt.
Wenn du nach diesem Check feststellst, dass deine Reifen tatsächlich tauschreif sind, findest du auf SecondSpin24 geprüfte gebrauchte und neuwertige Reifensätze mit aktuellem DOT. Eine Option, wenn du nicht zwingend Neuware brauchst.
Hinweis zur Eigenleistung der Redaktion: Die Aussage zur überproportionalen Zunahme des Bremswegs mit der Geschwindigkeit ist eine eigene Einschätzung auf Basis der Continental-/AUTO-BILD-Testreihe (2019), in der die Differenz zwischen 8 mm und 1,6 mm Profiltiefe bei 80 km/h rund 10 m und bei 120 km/h fast 96 m beträgt.
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